Craig Volker, ein junger Dozent im australischen Brisbane, wunderte sich sehr, als er Ende der 1970er Jahre in einem Deutschkurs eine dunkelhäutige Studentin aus Papua-Neuguinea unterrichtete, die fließend ein etwas schräges Deutsch sprach.

LiteraturBoteAuf Nachfrage erklärte sie Volker, das sei „Unserdeutsch“. So sprächen sie alle bei ihr zu Hause. Craig Volker ging der Sache nach und stellte fest, dass er einen einzigartigen neuen deutschen Dialekt entdeckt hatte. Die Studentin aus Papua-Neuguinea sprach die weltweit einzige Kreolsprache, die das Deutsche je hervorgebracht hatte.
Doch bis heute interessierten sich weder die Medien für die Hintergründe und Entstehungsgeschichte der kleinen Sprach-Sensation  mitten im Pazifik, noch die Wissenschaft. „Die germanistische Fachwelt nahm das nicht zur Kenntnis, sie wollte damals lieber Theorie als anstrengende Feldforschung in den Tropen treiben“, berichtet Péter Maitz, Inhaber des Augsburger Lehrstuhls für Deutsche Sprachwissenschaft. Der junge Craig Volker jedenfalls, versuchte noch bis 1982 auf seine Entdeckung aufmerksam zu machen – und Unterstützung  für seine Studien zu finden, die bis dahin unter anderem die Grundzüge der gefundenen Sprache beschrieben.

Doch erst jetzt, rund 35 Jahre nach der Entdeckung in Brisbane, erhält Volker Unterstützung aus Deutschland. Wissenschaftler aus Augsburg haben sich auf den Weg gemacht, diese vom Aussterben bedrohte Sprache zu  erforschen.

Auf den Spuren eines deutschen Dialektes im Pazifik

Von Martin Bünnagel

Das einzige schriftliche Zeugnis des deutschen Dialektes „Unserdeutsch“ auf Papua-Neuguinea, wurde in Stein gemeißelt. Es ist der letzte Gruß an Magdalena Nainai Lundin. Er steht auf ihrem Grabstein und er lautet: „Auf Wiedersehn mein Liebling.“

So leben am anderen Ende der Welt, auf diversen Inseln Papua-Neuguineas und in Ost-Australien, heute noch etwa 100 Einheimische, die eine Sprache sprechen, die dort sonst kein Mensch versteht. Und man könnte sagen, dass der Grabstein von Magdalena auch ein Sinnbild ist, für das Aussterben einer Sprache. Eines deutschen Dialektes, der sich in den Weiten des Pazifiks verliert, vergessen von der deutschen Öffentlichkeit, ebenso wie seine Entstehung und seine traurigen Hintergründe. Der aus einer Zeit gefallen ist, in der des Kaisers Flotte durch die Meere pflügte und mit Kanonen Kolonien plünderte. Als Magdalena Nainai Lundin auf einer Insel lebte, die im Kaiserreich unter dem Namen „Neupommern im Bismarck-Archipel“ bekannt war – und heute den Briten als Provinz East New Britain.

Gemeinsam mit Craig Volker, der heute an der Divine Word University in Madang, Papua-Neuguinea forscht und lehrt, will Péter Maitz, vom Augsburger Lehrstuhls für Deutsche Sprachwissenschaft, den Versäumnissen der Wissenschaft in den 1980er Jahren nun gegensteuern und: „Unserdeutsch retten, bevor es in wenigen Jahrzehnten bereits wahrscheinlich nicht mehr gesprochen werden wird.“ Denn in der einstigen Hauptstadt Rabaul des Bismarck-Archipels entwickelte sich um 1900 im Waisenhaus einer katholischen Missionsstation jenes „Rabaul Creole German“, wie es heute in der kreolistischen Fachliteratur genannt wird. Entstanden ist Unserdeutsch unter den Kindern, die in jenem Waisenhaus lebten: Kinder, die deutsche Kolonialisten mit ihren einheimischen Frauen gezeugt hatten und die deswegen weder von den Deutschen noch von den Ureinwohnern akzeptiert waren. Dieses Außenseiter-Dasein hatte zur Folge, dass Unserdeutsch auch nach Ende der deutschen Kolonialzeit 1914 Bestand hatte. „Dass ‚Unserdeutsch‘ trotzdem auch in Fachkreisen bis heute weitgehend unbekannt und unerforscht ist und dass es zugleich nur noch etwa 100 ältere Sprecher gibt, die heute zerstreut auf verschiedenen Inseln Papua-Neuguineas und in Ost-Australien leben, gebietet Eile“, meint Maitz. Gemeinsam mit Craig und König ist er entschlossen, dieses Forschungsdefizit zu beheben. „In Kürze bereits werden wir auf einer ausführlichen Projekthomepage über den Verlauf unserer Forschungen und über deren erste Ergebnisse berichten können. Ich bin zuversichtlich, dass es uns gelingen wird, ‚Rabaul Creole German‘ auf einem Niveau umfassend zu dokumentieren und linguistisch zu beschreiben, wie wir es von den zahlreichen englischbasierten Kreolsprachen her kennen.“ (bue)