Am 8. Mai jährte sich das Ende des Dritten Reiches zum 70. Mal. Zur Stunde Null war das Kirchenasyl ähnlich gefragt, wie in diesen Tagen. Doch damals flüchteten Tausende Nazis auf einer Klosterroute in ein neues Leben. 

Asyl zur Stunde NullTausende deutsche Asylanten wagten nach 1945 den Weg über den Atlantik in Richtung Argentinien. Flüchtlinge, Verfolgte ohne Heimat. Wohlgenährt und ausgeruht bestiegen sie die Dampfer. Hinter ihnen lag ein weiter Weg. Sie hatten die Gräuel des Krieges gesehen. Die Apokalypse. Säuberungen, Erschießungen hinter den Fronten. Partisanen, die Tod an Bäumen hingen. Brennende Dörfer mit Leichenbergen, Frauen und Kinder, allesamt erschossen. Hingerichtet. Sie hatten die Lager gesehen. Millionen Tote. Vergast, verhungert, verscharrt in Massengräbern. Frauen, Männer, Alte, Kinder. Dort hatten sie Bäuche platzen sehen, vollgepumpt mit Wasser. Zu Hunderten. Weil sie sehen wollten, wie dehnbar Mägen sind. So war ihr Krieg.

Nun hatten viele ihre Oberlippenbärtchen abrasiert. Auf dem Dampfer trugen einige jetzt Brillen, obwohl sie so scharf sehen konnten wie die Adler ihrer Heimat. Niemand trug mehr Seitenscheitel, viele dafür neue Namen. Müller hieß jetzt Schmitz, Meier hieß nun Zimmermann. Aus Eichmann wurde Riccardo Klement aus Bozen, Priebke wurde zu Otto Pape aus Lettland, Barbie zu Klaus Altmann aus Rumänien.
Aber alle, alle hatten sie das gleiche Glück. Denn die Kirche hatte sich ihrer angenommen. In der Stunde ihrer größten Not hatte sie den Verfolgten ihre Pforten geöffnet: Kirchenasyl. Zuflucht für Verfolgte. Eine Tradition seit dem Mittelalter. Ein Sakrileg. Wiederentdeckt.
Es hatte sich schnell herumgesprochen, wie die Flucht gelingen konnte. Eine Route von Kloster zu Kloster in Richtung Italien. Dort konnte man neue Pässe bekommen, neue Namen, neue Identitäten. Ein neues Leben in der neuen Welt. Die Kirche half.

Mehrere Tausend Nationalsozialisten und NS-Kollaborateure sind nach Kriegsende vor 70 Jahren Historikern zufolge mit Hilfe von Ordens- und Kirchenleuten nach Argentinien geflohen. Nazi-Verbrecher wie Adolf Eichmann brachten sich über die sogenannte Klosterroute in Sicherheit. Der Historiker Olaf Blaschke hat über die Verstrickungen der katholischen Kirche in jener Zeit ein Buch geschrieben, das nun für Aufsehen sorgt. Denn „Die Kirchen und der Nationalsozialismus“ aus dem Reclam Verlag, beleuchtet das Verhältnis der christlichen Kirchen zum NS-Staat und seiner Ideologie. Blaschke mahnt: „Wenn im Mai 2015 siebzig Jahre ,Befreiung‘ vom NS-Terror gefeiert werden, sollte nicht vergessen werden, wie leicht es vielen NS-Tätern gemacht wurde, sich in den Jahren danach ihrer Verantwortung zu entziehen.“ Insgesamt erreichten nach Schätzungen von Historikern mehrere Tausend Faschisten und Kollaborateure Argentinien, darunter auch 300 bis 800 höhere NS-Funktionäre und rund 50 schwer belastete Massenmörder und Kriegsverbrecher, wie Blaschke ausführt. Die Liste dieser Personen sei „lang und erschreckend“: „Neben Eichmann auch Josef Mengele, KZ-Arzt von Auschwitz. Walter Rauff, Chefkonstrukteur der Gaswagen, in denen mehr als 200.000 Menschen ermordet wurden. Klaus Barbie, SS- und Gestapochef von Lyon, verantwortlich für Judendeportationen und die eigenhändige Folterung von Mitgliedern der französischen Résistance. Erich Priebke, SS-Offizier, seit 1943 Gestapoleiter in Rom und verantwortlich für das Massaker an 335 Geiseln in den ardeatinischen Höhlen. Außerdem Erich Müller, ein enger Mitarbeiter Josef Goebbels“, zählt Blaschke auf.

Das Buch des Historikers folgt der Frage, ob Christentum und Faschismus unvereinbar waren, oder ob es eine Nähe gab. Flüchtige NS-Täter gelangten ab 1945 über Klöster in Südtirol und Italien nach Rom, wo ihnen die „Päpstliche Hilfskommission für Flüchtlinge“ Papiere mit zum Teil frei erfundenen Personaldaten ausstellte, berichtet Blaschke. Damit hätten sie beim Roten Kreuz das begehrte Reisedokument für die Fahrt nach Argentinien bekommen. Zu den Motiven der kirchlichen Helfer berichtet der Wissenschaftler, sie hätten ihre Fluchthilfe in erster Linie als Akt christlicher Nächstenliebe verstanden, „denn die Flüchtenden galten als Opfer, denen zu helfen sei“. Den Antisemitismus habe man „gut nachvollziehen“ können, „pflegte der Katholizismus doch selber starke Ressentiments gegen Juden, die darin gipfelten, Antisemitismus für ‚erlaubt‘ und gut katholisch zu halten, solange er nicht in Rassenhass ausarte“, sagt Blaschke.

Ob die Fluchthelfer die Identität und die Verbrechen der Flüchtlinge kannten, sei für die Geschichtswissenschaft schwer herauszufinden, so Blaschke. „Zweifellos – so argumentieren kirchennahe Historiker – handelte es sich in den Jahren ab 1944 um eine unübersichtliche Situation. Die Lager in Italien waren voll von Kriegsgefangenen, staatenlosen ,Volksdeutschen‘, NS-Tätern und Massenmördern. Wie oft Tätern im klaren Wissen um ihre Taten oder in naiver Unkenntnis geholfen wurde, ist bis heute nicht zu ermitteln.“Für die Aufarbeitung der Nachkriegsgeschichte seien noch nicht alle nötigen Archive öffentlich zugänglich“, kritisiert Blaschke.

Für manche NS-Täter sei aber nachweisbar, dass sie von ihren Helfern erkannt wurden, so der Zeithistoriker. Bischof Alois Hudal, ein Freund von Papst Pius XII, der seit 1944 als Fluchthelfer tätig gewesen sei, habe etwa den Kommandanten der Vernichtungslager Sobibor und Treblinka, Franz Stangl, „klarnamentlich“ begrüßt. Dieser habe in der Villa Hudals wohnen dürfen, „wo ständig vier bis fünf Nationalsozialisten versteckt wurden“. „Bischof Hudal kooperierte eng mit anderen Bischöfen und Klerikern, dem Roten Kreuz, der Caritas und dem argentinischen Präsidenten Perón“, sagt Blaschke. (bue)

 

Reclam Verlag
ISBN: 978-3-15-019211-5
288 Seiten: 8,00 Euro