Mit Lichtgeschwindigkeit brodeln Gerüchte durch das Netz. Sie kriechen durch die Straßen und erobern jede Party. Wissenschaftler haben nun die Mechanismen der Informationsweitergabe untersucht.

Stille Post der AngstBerlin ist im Ausnahmezustand. Nicht wegen NSA und BND, oder der Krise zwischen SPD und CDU. Nein, in diesem Frühjahr ist es MMR. Die Kombi-Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln.
Politisch debattiert wird über Zwangsimpfungen für Verweigerer und Skeptiker. Denn die Gesundheitsämter sehen sich mit einer absurden Situation konfrontiert: Die Masern grassieren ausgerechnet in einem Milieu der Wissensgesellschaft. Aufgeklärte Zeitgenossen, hoher Bildungsstand und ziemlich internetaffin. Dort brodelt die Gerüchteküche – schon seit Jahren. Und die Angst geht um.Vor Impfungen, vor einer Pharma-Verschwörung, Geschäftemacherei und dem Angriff auf Weltanschauung und Privatsphäre. Es prallen Welten aufeinander.

Das Spektrum der Gerüchte und Ängste besagt: Achtung, es drohen Autismus und Lähmungen, als Nebenwirkung von MMR-Impfungen. Achtung, es ist besser an Masern zu erkranken, das Immunsystem zu stärken und einen natürlichen Schutz gegen Masern aufzubauen. Achtung, hinter dem Impfschutz-Wahn steckt die Pharmabranche mit ihren Lobbyisten. Es ist alles nur Geschäftemacherei, eine Verschwörung der Gesundheitsbranche.

Doch die Welt im Blick der Wissenschaften sieht anders aus. Den Impfschutz gibt es, weil die Erreger ausgerottet werden sollen. Wenn mehr als 95 Prozent der Bevölkerung gegen Masern geimpft werden, hat das Virus keine Chance mehr, sich auszubreiten. Das ist bei den Pocken gelungen. Die Weltgesundheitsorganisation hatte 1967 eine weltweite Impfpflicht gegen die Pockenviren verordnet. 1972 trat der letzte Pockenfall in Deutschland auf, in der damaligen Bundesrepublik endete die Impfpflicht 1976. Seit 1979 gelten die Pocken als ausgerottet.

Dabei sind es in erster Linie Pharma-Konzerne, die das Know-how, die Ressourcen und das Kapital besitzen, Impfstoffe zu entwickeln. Und es ist keine Verschwörung, sondern unser Wirtschaftssystem, das es diesen Firmen ermöglicht, mit ihren Investitionen auch Geld zu verdienen. Dabei sind schwere Nebenwirkungen extrem selten. Es kommt laut Robert-Koch Institut zu sieben Komplikationen bei 16 Millionen Impfungen. Es gibt zudem keinerlei Belege für Autismus, ausgelöst durch MMR-Impfungen. Das Gerücht jedoch geht auf das Jahr 1998 zurück. Auf den britischen Arzt Andrew Wakefield, der gängige Impfstoffe versucht hatte zu diskreditieren, indem er frei erfundene Studienergebnisse in Umlauf brachte. Warum: Weil Wakeffield ein Patent für einen alternativen MMR-Impfstoff angemeldet hatte.

Und es gibt auch keinerlei Belege, keine Studien und Ergebnisse für die These, dass es besser sei auf das eigene Immunsystem zu setzen, anstatt zu impfen. Genau in dieser Schwachstelle, lag in den Jahrtausenden zuvor ja das Problem der Menschheit.

Man neigt dazu, sich das aus der Nachricht herauszugreifen, was zur bereits bestehenden Meinung passt.
Henry Brighton, Max-Planck-Institut

Und nun: Nachrichten und Informationen verbreiten sich in der Informationsgesellschaft ähnlich wie Viren – ob über klassische und soziale Medien oder den direkten Kontakt von Mensch zu Mensch. Meldungen zu Gefahren sind dabei ein besonderer Typus. Schlagzeilen, Tweets und Berichte zu Ebola und Masern oder zu den Risiken von Impfungen. Was also passiert mit Gefahrenmeldungen, wenn darüber gesprochen wird? Welche Informationsbestandteile werden weitergegeben? Und wie gefährlich wird die Situation vom Empfänger einer Nachricht eingeschätzt? Was geschieht, wenn dieser Empfänger kurz darauf selber zum Sender wird. Eine Kette entsteht. Eine „Stille Post“.

Um diese Fragen zu beantworten, simulierten Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und der Universität Konstanz Kommunikationsketten mit jeweils zehn Personen. Nach dem Prinzip des Kinderspiels „Stille Post“ wurde untersucht, wie Probanden Informationen weiter geben, die je nach individueller Betrachtungsweise ein mögliches, gesundheitliches Risiko beinhalten konnten. Die Forscher interessierten sich dabei insbesondere für die Risikowahrnehmung der Testpersonen und wählten für das Stille-Post-Experiment eine Alltags-Chemikalie, die in vielen Produkten vorkommt.

Im Laborexperiment erhielt der erste Proband einer Kommunikationskette vielfältige Informationen über das Gefahrenpotenzial der Chemikalie „Triclosan“, die in vielen Produkten wie Zahnpasta oder Kosmetika enthalten ist. Die Informationen enthielten insgesamt sechs reale Presse-Artikel, die die Bandbreite an kontroversen Meinungen abbildeten – von sachlich-wissenschaftlichen Abwägungen des Gefahrenpotenzials – bis hin zu sehr persönlichen Einschätzungen, die nicht aus der Presse stammten. Im Anschluss daran sollte der erste Proband die Information mündlich an einen zweiten weitergeben, der die Information wiederum an einen dritten weitergab, und so weiter. Am Ende füllten alle Probanden Fragebögen zu dem von ihnen wahrgenommenen Gefahrenpotenzial von „Triclosan“ aus. Mit Blick auf die Einschätzung und Weitergabe des Risikos zeigte sich, dass eigene Vorurteile in die Informationsweitergabe mit einflossen und somit wiederum die Wahrnehmung der jeweiligen Adressaten beeinflussten. Auf diese Weise verbreitete sich zunehmend die subjektive Sichtweise der Kommunizierenden. „Man neigt dazu, sich das aus der Nachricht herauszugreifen, was zur bereits bestehenden Meinung passt, und gibt hauptsächlich das an die nächste Person weiter“, sagt Henry Brighton, Ko-Autor der Studie. Das könne dazu führen, dass sich Vorurteile hochschaukeln, während die ursprüngliche Nachricht letztlich kaum noch eine Rolle spielt und die potenzielle Gefahr alarmistisch als immer gefährlicher weitergegeben und wahrgenommen wird.

So geben die Ergebnisse der Studie Einblicke in die gesellschaftlichen Reaktionen auf Risiken und das Entstehen von oftmals unangemessenen Ängsten. Die Wissenschaftler betonen, wie wichtig es aus gesellschaftlich-politischer Sicht sei, dass mögliche Gefahren realistisch eingeschätzt werden. Um einer sozialen Verstärkung wahrgenommener Ängste entgegenzuwirken, fordern sie eine offene, transparente Kommunikation der wissenschaftlich gesicherten Fakten. „Und dies ohne Panikmache, aber auch ohne trügerische Beruhigung oder illusorische Gewissheit“, sagt Ko-Autor Wolfgang Gaissmaie. (bue)