Von Martin Bünnagel

Seit Jahrzehnten debattiert die Welt über das Rätsel des Untergangs der Osterinsel-Zivilisation. Eine Studie beantwortet Theorien und noch offene Fragen nun neu: Mit Hilfe der Mathematik.  

Das Rätsel der OsterinselnDie Osterinsel und der Niedergang ihrer alten Kultur üben eine besondere Faszination aus, die sich in etlichen Romanen und Filmen widerspiegelt. Kolossale Steinskulpturen, Felszeichnungen und eine einzigartige Schrift zeugen von einer hochentwickelten Kultur, die ihre letzten Geheimnisse noch nicht preisgegeben hat. Was führte zum oft beschriebenen Kollaps dieser Gesellschaft?

Wissenschaftler des Leibniz-Zentrums für Marine Tropenökologie (ZMT) in Bremen haben die vorhandenen Daten zusammen getragen. Mithilfe eines mathematischen Modells konnten sie offene Fragen nun beantworten. „Die Geschichte der Osterinsel wird oft als düstere Warnung vor unserer Zukunft angesehen, als Parabel für die Rücksichtslosigkeit des Menschen gegenüber seiner fragilen Umwelt“, sagt Gunnar Brandt, Mitarbeiter der Abteilung Ökologische Modellierung am ZMT und einer der Autoren der Studie. Das Fehlen schriftlicher Quellen und eine karge Datenlage schaffen Raum für Spekulationen. So ranken sich um den Untergang des Volkes der Rapa Nui sehr gegensätzliche Theorien und Mythen. Vertreter der „Ökozid“-These stellen die Zerstörung der Lebensgrundlage in den Vordergrund. Auf der einst dicht mit Palmen bewachsenen Insel wurde der Wald intensiv abgeholzt, um Brenn- und Baumaterial zu gewinnen. Mit dem Wald verschwand die wichtigste Ressource der Insel. Diese ökologische Katastrophe soll schließlich auch zu einem dramatischen Rückgang der Bevölkerung geführt haben.

„Wir fragten uns, ob die Rapa Nui diesen katastrophalen Entwicklungen tatsächlich so hilflos ausgeliefert waren.“
Agostino Merico, Koautor der Studie

Die Theorie des „Genozids“ legt den Schwerpunkt dagegen auf den Kontakt mit europäischen Entdeckern im 18. Jahrhundert. Sie brachten Infektionskrankheiten wie Grippe, Pocken und Syphilis auf die Insel. Sklavenjäger verschleppten zudem tausende von Insulanern als Zwangsarbeiter zu den Guano-Minen in Peru. Die Population soll dadurch in sehr kurzer Zeit fast ausgerottet worden sein, so dass 1877 nur noch 36 Ureinwohner auf der Insel gezählt werden konnten. „Wir fragten uns, ob die Rapa Nui diesen katastrophalen Entwicklungen tatsächlich so hilflos ausgeliefert waren“, sagt Agostino Merico, Koautor der Studie. Die Wissenschaftler entwickelten ein mathematisches Modell und testeten verschiedene Theorien über den zeitlichen Verlauf der Abholzung und der Bevölkerungsentwicklung auf ihre Plausibilität. Das Modell stützt sich insbesondere auf Rückstände des verschwundenen Palmenwaldes, die mit der Radiokarbonmethode datiert wurden.

Die Ergebnisse des Modells zeigen, dass sich der Niedergang der Rapa Nui wahrscheinlich sehr viel länger hinzog als bisher angenommen. Zwar ging die Zahl der Ureinwohner schon vor dem Eintreffen der Europäer zurück. Doch scheinen sie über lange Zeit in der Lage gewesen zu sein, sich an die Veränderungen in ihrer Umwelt anzupassen und ihre Ressourcen so zu bewirtschaften, dass ein abrupter Kollaps ausblieb. Die Ankunft der Europäer bedeutete schließlich eine zusätzliche, sehr dramatische Störung, der die bereits angeschlagene Inselbevölkerung nicht mehr trotzen konnte.

Die aktuelle Studie ist ein großer Fortschritt in der Debatte um die Geschichte der Osterinsel, da sie die kontroversen Theorien anhand objektiver und quantitativer Daten bewertet. Sie zeigt, dass erst ein Zusammenspiel von Übernutzung natürlicher Ressourcen, Dezimierung durch Krankheiten und Versklavung den Niedergang der Rapa Nui zufriedenstellend erklären kann.