In seinem neuen Buch „Das verzehrende Leben der Dinge“ blickt Wolfgang Schivelbusch  das wechselseitige Verhältnis des Menschen zu den Dingen.

Wir benutzen Schuhe, Jeans und Möbel, jeden Tag, zu jeder Stunde. Aber was tun die Dinge mit uns? Der Kulturhistoriker Wolfgang Schivelbusch betrachtet in seinem neuen Buch „Das verzehrende Leben der Dinge“ unser Verhältnis zu den uns umgebenden Waren und Gütern. Ein Beispiel Schivelbusch sind die Schuhe: „Wir tragen sie bis der Absatz schief ist, sie verschaffen uns anfangs Blasen oder Druckstellen und später vielleicht das wohlige Gefühl von fußschmeichelnden Schluffen.“ Der Kulturhistoriker Schivelbusch meint: Die Dinge, die uns umgeben, würden normalerweise kostbarer, weil sie uns etwas zurückgeben – emotional und physisch.

Ökonomie ist nicht nur wohlstandsfördernd, sondern auch kulturell eingreifend.
Wolgang Schivelbusch, Buchautor

Schivelbusch lenkt in seinem Buch die Aufmerksamkeit auf die Waren und Güter, die neben einem Gebrauchs- und einem Tausch-Wert, auch einen emotionalen Wert besitzen. Doch genau an diesem Punkt liege schließlich das Problem: Denn da die industrielle Massenproduktion uns mit Waren für kleines Geld zuschütte, entfalle die Auseinandersetzung mit den Gebrauchsgegenständen. Eine Überforderung sei die Folge. So sieht Schivelbusch den absurdesten Exzess der Konsumgesellschaft in Jeans, die schon bei der Fertigung künstlich gealtert und verschlissen werden. „Die Gebrauchsspuren, die zu hinterlassen in früheren Zeiten dem individuellen Konsumenten vorbehalten war, werden heute in die serielle Fertigung integriert. Zum Beispiel bei künstlich ausgeblichener und abgetragenen Jeans“, kritisiert Schivelbusch. In dieser Art der Massenfertigung sieht der Kulturhistoriker die Ursache für unsere mangelnde Sensibilität gegenüber den Dingen. „Der von einer Person hergestellte Gegenstand war einst so individuell wie sein Produzent und sein Konsument. Diese Symmetrie ging mit der Industrialisierung gleich doppelt verloren: qualitativ, indem die dem Ding eingeprägte persönlich-individuelle „Handschrift“ des Produzenten, durch die Uniformität der Werkzeugmaschine ersetzt wurde. Quantitativ durch die Vervielfachung des Einzeldings in der Serie“, schreibt Schivelbusch. Schon die Fülle an Produkten verhindere, dass der Konsument zu jedem Einzelprodukt eine Beziehung aufbauen kann. Eine Reizüberflutung sei die Folge und Schivelbusch zitiert Forscher der vorvergangenen Jahrhundertwende wie Max Nordau. Dieser prophezeite für das Ende des 20. Jahrhunderts ein „Geschlecht, dem es nicht schaden wird, täglich ein Dutzend Geviertmeter Zeitungen zu lesen, beständig an den Fernsprecher gerufen zu werden, an alle fünf Weltteile zugleich zu denken, halb im Bahnwagen oder Flughafen zu wohnen. Es wird inmitten der Millionenstadt Behagen zu finden wissen und mit seinen riesenstarken Nerven den kaum zu zählenden Anforderungen des Lebens ohne Hast und Aufregung entsprechen können.“

So mahnt Wolfgang Schivelbusch: „Wir verstehen unsere Wirtschaftsgesellschaft nicht, wenn wir uns nur auf die Behauptungen der Ökonomie verlassen. Wir brauchen, für eine Neubeschreibung der Ökonomie die Betrachtungen aus anderen Wissenschaften, um die eigenen blinden Flecke zu füllen. Denn die Ökonomie ist nicht nur wohlstandsfördernd, sondern auch kulturell eingreifend. Die Ökonomie selber ist sich dieser kulturellen Tiefenstrukturen kaum bewusst. Es bedarf solcher historischen und kulturellen Analysen, um zu verstehen, wie die Ökonomie in unser Leben eingreift.“ (bue)

Hanser Verlag
ISBN: 978-3-446-24781-9
Gebunden: 19,90 Euro