Was denkt der Mensch? Die Neurowissenschaften vermischen sich immer mehr mit den Informationstechnologien und ermöglichen den Blick ins menschliche Gehirn. Dem Digitalzeitalter erwächst ein neues Problem.  

Daten aus dem OberstübchenBekanntlich birgt jede neue Technologie irgendeinen Nutzen für die Allgemeinheit – und meist auch irgendwelche Risiken. Hat sie das Labor verlassen, entscheidet die Gesellschaft was mit ihr geschieht. Und da beginnt dann das Problem. Denn Gen-Technik ist zunächst nichts Schlechtes, ebenso wie Kern-Physik. Chemische Düngemittel lösen viele Probleme, ebenso wie Pestizide.
Doch der Schritt vom Nutzen hin zum Risiko, ist oft so klein wie ein Atom. Und dort stapeln sich die Fragezeichen und die Probleme für die Allgemeinheit. Dort thront der Düngemittelkonzern Monsanto, da rosten die Atommüllfässer, dort blitzen 15.800 Kernwaffen. Da sterben weltweit Bienen-Völker und sickert Stickstoff in die Flüsse. Da galoppiert der Fortschritt, umschwärmt vom Internet. Verbunden mit Millionen Erfindungen, vernetzt mit Milliarden Rechnern. Da steuert das selbstfahrende Auto zur intelligenten Wohnung, mit dem oberschlauen Kühlschrank, der Milch bestellt und twittern kann.
Und da grinsen NSA, BND, Versicherungs- und Werbewirtschaft um die Wette. Denn Big Data ist da. Da lesen sie die Meldungen und Nachrichten aus den Laboren dieser Welt. Und da legen sie die Füße hoch, reiben sich die Hände und sagen: „Potzblitz, die Neurotec! Na, wunderbar!“

Zu Recht. Denn die Neurowissenschaften sind Real-Science-Fiction. Sie produziert mittlerweile Durchbrüche, Erkenntnisse und potenzielle Anwendungen im Wochenrhythmus. So zum Beispiel in einer recht brisanten Fragestellung: „Was denkt der Mensch?“ Tanja Schultz, die mit Ihrem Team am Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) forscht, erklärt: „Schon lange wurde darüber spekuliert, ob die direkte Kommunikation zwischen Mensch und Maschine über Gehirnströme möglich ist.“ Denn Sprache sei eine der Aufgaben der menschlichen Großhirnrinde, dem Kortex. Und Sprachprozesse drückten sich in Hirnströmen aus, die mittels Elektroden direkt am Kortex aufgezeichnet werden können. So weit die Theorie. In Albeny im US-Staat New York, gelang es Forschern nun erstmals aufzuzeichnen, was Menschen dachten. Mit dem Verfahren „Brain to Text“ konnten die Wissenschaftler des Wadsworth Centers Gehirnströme kontinuierlich gesprochener Laute und Wörter aufzeichnen und gemeinsam mit Forschern des KIT in Karsruhe ganze Sätze rekonstruieren, die mit Computern als Text wiedergegeben wurden. „Zum ersten Mal können wir das Gehirn beim Sprechen beobachten“, berichtet Informatik-Professorin Tanja Schultz. Ihr Verfahren haben die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift „Frontiers in Neuroscience“ vorgestellt. Demnach können die Forscher nun zusehen, wie das Gehirn den Sprechvorgang plant und dann die Muskeln der Artikulationsorgane über die Neuronen in der Großhirnrinde aktiviert, bevor die eigentliche Sprache hörbar wird. Sie haben dafür Daten der Gehirnströme von sieben Epilepsie-Patienten in den USA ausgewertet: Ihnen lag während des Sprechens ein Elektrodennetz direkt auf der Großhirnrinde des zur Epilepsie-Behandlung ohnehin freigelegten Gehirns.

5,8 Millionen Kilometer lang sind die Nervenbahnen eines Gehirns, damit ließe sich die Erde 145 Mal umwickeln. Sie verbinden etwa 100 Milliarden Nervenzellen, die wiederum durch 100 Billionen Synapsen miteinander verknüpft sind. Über sie werden alle Signale übertragen.
(Max-Planck-Institut)

Zum Nutzen ihres Durchbruchs schreiben die Wissenschaftler: Neben der reinen Grundlagenforschung und einem besseren Verständnis der hochkomplexen Sprachprozesse im Gehirn, könne Brain-to-Text ein Baustein sein, um Locked-in-Patienten zukünftig eine sprachliche Kommunikation zu ermöglichen. Beim Locked-in-Syndrom sind Menschen zwar bei Bewusstsein, aber fast vollständig gelähmt und unfähig, sich der Außenwelt verständlich zu machen. Die Forscher verfolgen also ein ehrenwertes Ziel.

 
Generell widmen sich Neurowissneschaftler häufig großen Fragestellungen: Für 37 Millionen Euro entsteht in Freiburg das Institut für Gehirn-Maschine-Schnittstellen (IMBIT). Die dortigen Wissenschaftler wollen in dem Neubau Innovationen in der Neurotechnologie vorantreiben.

 
Doch bereits 2013 war das Human Brain Project (HBP) von der EU-Kommission als eines von zwei europäischen Forschungs-Flaggschiffen auserkoren worden. Innerhalb von zehn Jahren soll es mit einer Fördersumme von bis zu 1,2 Milliarden Euro die europäische Hirnforschung ins 21. Jahrhundert hiefen und 120 Institute in 26 Ländern miteinander vernetzen. Die Wissenschaftler wollen herausfinden, wie wir denken, was in den rund 100 Milliarden Nervenzellen geschieht, wie durch sie ein Bewusstsein entsteht, eine Persönlichkeit, Gedächtnis, Intelligenz, Krankheiten. Für den schweizer Neurowissenschaftler Richard Frackowiak ist das HBP ein Jahrhundertprojekt, das vergleichbar mit der Mondlandung oder der Entschlüsselung des menschlichen Genoms sei. Die ganze Menschheit soll es voranbringen, womöglich gar unser aller Weltbild verändern, schwärmen die Wissenschaftler.
Die großen Ziele scheinen das Milliarden-Projekt derzeit jedoch ins Wanken zu bringen. Hunderte Forscher aus ganz Europa protestierten gegen die inhaltliche Ausrichtung und die Art, wie Hirnforscher Henry Markram von der ETH Lausanne das Projekt führt. Der Protest gipfelte schließlich in einem offenen Brief an die Europäische Kommission im vergangenen Sommer, den rund 800 Wissenschaftler unterzeichneten. Nun sollen die Empfehlungen einer Schlichtungskommission umgesetzt werden, um das Vorhaben wieder in die Spur zu bringen. Was sich Projektleiter Henry Markam nun dabei denkt, ist vorerst nicht zu erfahren: „Ich denke, was ich will, und was mich beglücket, doch alles in der Still, und wie es sich schicket. Mein Wunsch und Begehren kann niemand verwehren, es bleibet dabei: die Gedanken sind frei“, heißt es in der zweiten Strophe des deutschen Volksliedes. Die Piratenpartei hatte es 2009 übrigens zu ihrem Wahlkampfslogan gemacht. (bue)