Neue Funde belegen die These, dass Europa vom Nahen Osten aus besiedelt wurde. Der Homo sapiens migrierte über den levantinischen Korridor.    

Neueste Erkenntnisse von Anthropologen ermöglichen einen neuen Blick auf die aktuellen Flüchtlingsströme und das Selbstverständnis der Europäer: Denn die ersten Menschen auf dem Kontinent waren demnach Migranten aus dem Nahen Osten und aus Afrika. Unsere Vorfahren hatten ihre Heimat zuvor auf ähnlichen Routen verlassen wie heutige Flüchtlinge.

So sorgte erst im Januar dieses Jahres ein Schädelfund in Israel für Aufregung, der nach Einschätzung von Wissneschaftlern den abschließenden Beweis lieferte, dass der moderne Mensch (Homo Sapiens) die Welt von Afrika aus besiedelte – vor 65.000 Jahren. Der Fund im Januar, datiert auf ein Alter von 55.000 Jahren, schließe eine zeitliche und geographische Lücke, jubelten die Forscher vor sechs Monaten. Und es galt die These, dass der Homo Sapiens über den levantinischen Korridor (zwischen Jericho und Damaskus) nach Europa aufgebrochen sein müsse und nicht – wie oft vermutet – über Asien.
Nun jedoch hat ein multinationales Forscherteam unter der Beteiligung des Max-Planck-Instituts Belege dafür gefunden, dass sich der moderne Mensch tatsächlich vor mindestens 45.900 Jahren in der Levante – also dem östlichen Mittelmeerraum – aufgehalten hatte. Die Wissenschaftler untersuchten dabei Muschelschalen, die aus Ksâr ‘Akil im Libanon stammen. Ksâr ‘Akil ist eine der wenigen archäologischen Fundstätten im Nahen Osten, wo häufig Fossilien moderner Menschen in den gleichen Fundschichten wie Werkzeuge aus dem frühen Jungpaläolithikum ausgegraben werden konnten. Mithilfe der Radiokohlenstoff-Datierung bestimmten die Forscher das Alter von Muschelschalen der Art Phorcus turbinatus, deren Fleisch einst von unseren menschlichen Vorfahren verspeist worden war. Sie konnten jetzt zeigen, dass moderne Menschen sich vor mindestens 45.900 Jahren in der Levante aufgehalten haben. Dies bestätigt die Präsenz anatomisch moderner Menschen mit Werkzeugen aus dem frühen Jungpaläolithikum in der Levante vor ihrer Ankunft in Europa und belegt, dass die Levante modernen Menschen als Korridor für die Besiedlung Europas diente.

„Ksâr ‘Akil ist eine so wichtige Fundstätte, weil dort die fossilen Überreste zweier moderner Menschen zusammen mit ihren Werkzeugen gefunden wurden, die der Epoche des Jungpaläolithikums zugehörig sind. Ihre Entdecker haben die beiden Individuen Ethelruda und Egbert genannt“, erklärt Marjolein Bosch vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. „Unsere Untersuchungen zeigen, dass Egbert vor etwa 43.000 Jahren und Ethelruda vor mindestens 45.900 Jahren lebte. Ethelruda ist also älter als alle bisher in Europa gefundenen modernen Menschen“, sagt Johannes van der Plicht von der Universität Groningen in den Niederlanden. „Werkzeuge, die denen ähneln, die Ethelruda und Egbert zugeordnet werden, finden sich auch in anderen Fundstätten in der Levante und in Europa. Diese ähnlichen Werkzeuge sowie die frühere zeitliche Einordnung der Funde aus dem Nahen Osten lassen auf eine Ausbreitung moderner Menschen vom Nahen Osten ausgehend nach Europa zwischen 55.000 und 40.000 Jahren schließen“, sagt Bosch. (bue)