Ein Kunsthistoriker wirbt für die Wiederentdeckung einer vergessenen Epoche der Landeshauptstadt.

Kunst aus DüsseldorfDie Liste der großen Kunstmetropolen der Welt ist lang: Florenz. Venedig. Paris. New York. Düsseldorf. Düsseldorf? Genau! Schon 1753 entstand dort die „Kurfürstlich-Pfälzische Academie der Maler-, Bildhauer- und Baukunst“. Nach der Eroberung des Rheinlands durch Preußen gründete König Friedrich Wilhelm III. sie im Jahre 1819 als „Königlich preußische Kunstakademie“ neu; im 19. Jahrhundert wurde sie zum Anziehungspunkt für Maler aus ganz Europa. Mit dieser wiederentdeckenswerten Epoche der Kunstgeschichte befasst sich Professor Roland Kanz, Lehrstuhlinhaber für Allgemeine Kunstgeschichte an der Universität Bonn.

„Die Kunstgeschichte der Moderne ist eine Geschichtsschreibung der Sieger“, sagt Kanz und präzisiert: „Diese Sieger sind natürlich die Künstler der Avantgarde“ – also jener Stilrichtungen, die sich ab Beginn des 20. Jahrhunderts durchsetzten. Eine Tagung der Universität Bonn befasste sich im Mai mit dieser zu Unrecht fast vergessenen Epoche. „Die Künstler, die zuvor erfolgreich waren, sind ins Hintertreffen geraten. auch die Düsseldorfer Schule“, sagt Kanz. Der Forscher berichtet weiter: „Gleich zu Beginn, also in den 1820er und 1830er Jahren, gab es an der Düsseldorfer Akademie eine sehr dynamische Entwicklung. Es gab einen sehr regen Austausch mit Berlin und großen Widerhall in der gesamten Kunstszene Europas.“

Prägend für das Schaffen der Düsseldorfer Künstler waren laut Kanz „Realismus und Naturalismus“ – sie befassten sich also intensiv mit Darstellungen von Landschaften, Szenerien der Natur und des menschlichen Alltags. Die Forschung darüber konzentriere sich bislang „sehr stark auf die ersten 50 Jahre nach der Akademiegründung“ – etwa auf Künstler wie Johann Wilhelm Schirmer (1807-1863), Caspar Scheuren (1810-1887) und Adolph Schroedter (1805-1875). „Näher an der Jahrhundertwende wird die Sache dünner.“ Ein Ziel der Tagung sollte deshalb sein, das Interesse jüngerer Forscher auf die Düsseldorfer Schule zu lenken, damit sich eines Tages Abschluss- und Doktorarbeiten mit dieser Epoche befassen können. Kanz Thema ist die Entwicklung der Kunstgeschichte in ihrer Gesamtheit. Gemälde von 1888? Der Kunstfreund denkt schaudernd an die Bilderwelten des Wilhelminismus – stolze Adler, dampfende Schlachtschiffe, mittelalterliche Recken, germanische Helden. Haben wir nicht alle gelernt, dass die gesamte Malerei dieser Zeit getrost unbesehen in die Schublade „Kitsch“ gehört? Ein Klischee, das „der Prüfung nicht standhält“, sagt Kanz. Er möchte das „bunte Bild der gleichzeitigen Möglichkeiten betonen, die damals herrschten“, erklärt der Wissenschaftler der Universität Bonn. „Es geht um eine gerechtere Differenzierung, wie vielfältig die Moderne eigentlich war, so Kanz. Die Geschichte der modernen Malerei sei eben nicht nur eine Geschichte der Avantgarde. Es gäbe auch offizielle Repräsentationskunst, die nicht automatisch abwertend gesehen werden dürfe. „Carl Gehrts zum Beispiel hat unglaublich viel zeitgenössischen Witz. Er hat auch Zeichnungen im Stile Wilhelm Buschs gemacht“, erklärt Kanz. (bel)