Soziologen haben die spirituellen und religiösen Trends der Moderne untersucht.

Kirche oder YogacenterIn der Debatte um die Rolle der Religion in der Moderne, haben Forscher der Universität Münster eine der bislang umfassendsten Studien zu den internationalen religiösen Trends von 1945 bis heute durchgeführt. Ihr Fazit: „Glaube und Spiritualität sind nicht nur Ergebnis individueller Vorlieben und Abneigungen oder privater Erfahrungen, sondern hängen auch von sozialen Bedingungen ab“, erläutert der Religionssoziologe Detlef Pollack. „Länderübergreifend stellen wir Muster des religiösen Wandels sowie kausale Mechanismen fest, die religiöse Auf- und Abschwünge beeinflussen.“
So ließe sich zwischen Religion und Moderne ein Spannungsverhältnis nachweisen, das zu einer Abschwächung der sozialen Bedeutung von Religion führe, auch wenn es Gegenbewegungen gebe, erklärt der Forscher.

Die Studie „Religion in der Moderne. Ein internationaler Vergleich“, die soeben im Campus Verlag erschienen ist, zeichnet detailreich ein lebendiges Panorama des religiösen Wandels in verschiedenen Gesellschaften. Die Wissenschaftler werteten in ihrem Grundlagenwerk nach eigenen Angaben ein so reichhaltiges Datenmaterial für mehrere Kontinente aus, wie kaum eine andere Religionsstudie zuvor.
Demnach vollzieht sich die Abnahme des kirchlichen Bestandes in Westeuropa den Forschern zufolge „lautlos, nicht eruptiv und erweckt den Eindruck eines alternativlos voranschreitenden Prozesses“. Beobachtbare Zuwächse alternativer außerkirchlicher Religiosität, etwa esoterisch-spirituelle Glaubensformen, blieben demgegenüber vergleichsweise schwach. Zu den Faktoren, die die Vitalität von Religionen negativ beeinflussen, gehören nach der Studie ein hohes Wohlstandsniveau in einer Gesellschaft, ein hoher Grad an Individualisierung, ein breites Freizeit- und Unterhaltungsangebot sowie ein hohes Maß an kultureller und weltanschaulicher Vielfalt einer Gesellschaft. Positiv wirkt sich dagegen aus, wenn das religiöse Leben in Gemeinschaften eingebettet ist oder wenn sich religiöse Identitäten mit politischen, nationalen oder wirtschaftlichen Interessen verbinden. „Zugleich liegt hier ein Konfliktpotential, besonders wenn kleine, aggressive Religionsgruppen beteiligt sind, die dieses Konfliktpotential für sich ausnutzen und auf Kosten von Mehrheiten Attraktivitätsgewinne erzielen können“, sagt Pollack.

„Die Gegenwart erlebt eine explosionsartige Vervielfältigung des religiösen Feldes“, erläutert der Soziologe. „Fundamentalistische Bewegungen ergreifen hochgebildete Jugendliche, Christen wenden sich millionenfach von ihrer Kirche ab, esoterische Weltbilder stoßen in Medizin und Wissenschaft zunehmend auf Resonanz, sagt Pollack. Angesichts der Unübersichtlichkeit der religiösen Lage erschienen Behauptungen von der Rückkehr der Götter ebenso plausibel wie Thesen von einer weitergehenden Säkularisierung oder einer religiösen Individualisierung. Viele gegenwärtige religiös-soziale Konstellationen ließen sich jedoch nur aus ihrer Vorgeschichte verstehen, erläutert Pollack. Die Soziologen streben deshalb keine Universaltheorie wie die Säkularisierungsthese an, sondern bieten Theorie-Bausteine, die in der Forschung auf verschiedene Weise kombiniert werden können.
Aktuelle Analysen werden durch historische Perspektiven ergänzt. Pollack: „Viele gegenwärtige religiös-soziale Konstellationen lassen sich nur aus ihrer Vorgeschichte verstehen.“ Ebenso benutzt die Studie theoretische Gesichtspunkte für den Vergleich von religiösen Entwicklungen in unterschiedlichen Gesellschaften.
Die Forscher nahmen Fallstudien für Italien, die Niederlande, Deutschland, Polen, Russland, die USA, Südkorea und Brasilien vor und zogen aus dem Vergleich zwischen Ost- und Westeuropa, den USA, asiatischen und südamerikanischen Ländern verallgemeinerbare Schlussfolgerungen. Einbezogen wurden zudem eine Vielzahl an repräsentativen Datensätzen aus verschiedenen Zeiträumen: World Values Survey, International Social Survey Programme, Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften, Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung, sowie kirchliche und staatliche Statistiken. (bel)

Campus Verlag
EAN: 9783593501758
542 Seiten, kartoniert: 39,90 Euro