Menschen malten sie vor 36.000 Jahren an die Wände einer Höhle in Chauve in Südfrankreich, Kolumbus suchte sie in der Karibik, Bram Stoker fand sie in Transsilvanien, die Japaner im atomverseuchten Pazifik und das Nachkriegsdeutschland in einem unterirdischen Bunker in Berlin: Monster. Zu allen Zeiten war der Mechanismen gleich, mit dem die Völker ihre Monster schufen. Und es war der gleiche Grund. „Nur über das andere können wir uns selbst als normal, als menschlich, als typisch für die Kreatur an sich oder die Schöpfung definieren,“ erklärt Rudolf Simek, Germanistik-Professor an der Universität Bonn. Menschen brauchen Monster. Zu allen Zeiten.

Nun hat Simek ein Buch über „Monster im Mittelalter“ geschrieben. Er geht dabei auf Spurensuche in der Antike und der Neuzeit, in Kirchen und alten Schriften und beschreibt 250 dieser Fabelwesen in einem Lexikon. Simek kommt zu der Erkenntnis: So furchterregend Monster im Mittelalter gewirkt haben mögen, wirklich Angst hatten die Menschen nicht vor ihnen. In ihren Epochen waren Monster immer Spiegelbilder ihrer Zeit. Doch mit Beginn der Neuzeit verschwand der Glaube an reale Monster. Sie wurden zur Methaper. Waren es früher Hundsköpfige, Zyklopen und Einfüßige, sind es heute Roboter, Außerirdische und Massenmörder.

Wundervölker und Fabelwesen sind Teil der Kulturgeschichte – Heute dienen Monster als Metapher  

Mensch und MonsterAls Kolumbus hoch am Wind gen Westen segelte, dachte er nicht nur an Indien. Er träumte auch von Monstern. Denn im Gepäck hatte der Entdecker einen Bestseller des 14. Jahrhunderts: Die fantastischen Reiseberichte des Ritters Jean de Mandeville. Darin beschrieb der Edelmann ein fernes Volk von Menschenfressern. In der Karibik schließlich angekommen, glaubte Kolumbus dieses Volk ganz nebenbei entdeckt zu haben. Einige der Ureinwohner ließ er nach Europa schaffen, um sie dort auszustellen. Es gruselte den alten Kontinent: Die Ureinwohner galten nun als Kannibalen. Es waren Monster.

Denn das Wort „Monster“ leitet sich aus dem Lateinischen für monstrare (deutsch: zeigen) ab. Die mittelalterliche Bedeutung von monstrosus lässt sich am ehesten mit „wunderlich“ übersetzen. Der Mittelalterforscher Rudolf Simek von der Universität Bonn hat ein Buch über „Monster im Mittelalter“ geschrieben. Die auch als Wundervölker oder Fabelrassen bezeichneten Monster haben demnach für die Menschen eine lange Tradition und waren gerade im Mittelalter allgegenwärtig. Man unterteilte sie laut Simek in menschenartige Wesen mit bizarr entstellten Gliedern, Mischungen aus Tier und Mensch und fantasievolle Meereslebewesen; Fabelwesen zu Lande wie Drachen, Einhörner oder Trolle gehören nicht dazu.

Die Darstellung von Monstern mutete oft archaisch und angsteinflößend an. In einer illustrierten Tierdichtung aus dem 13. Jahrhundert zeigen Bilder in Simeks Buch menschlich anmutende Wesen mit einem Kopf, der direkt vor der Brust hängt, oder einem Mund, gebogen wie eine Banane. Die Amazonen gehören in diesen Kanon, weil ihr Sozialverhalten – sie lebten in einem Staat ohne Männer – durchaus befremdlich wirkte. Besonders fasziniert haben Simek die Einfüßigen, Skiopodes genannt. Diese vor allem in Afrika bekannten Gestalten waren lediglich mit einem Bein und einem Fuß ausgestattet. Zugleich werden sie als Volk von „wunderbarer Geschwindigkeit“ beschrieben. Es existieren Zeichnungen, auf denen sie, grotesk auf dem Rücken liegend, ihr Bein verwenden, um sich vor dem Sonnenlicht zu schützen. Diese Geschöpfe habe es nicht wirklich gegeben, berichtet Simek. Vor allem seien sie schon in der Antike in den Köpfen der Menschen durch Reisende entstanden, die den Daheimgebliebenen von ihren Erlebnissen erzählten oder sie niederschrieben wie Homer. Verbreitet war die Ansicht, sie sollten den Menschen Warnung vor den Konsequenzen der eigenen Sünden sein. „Der Mensch braucht Monster aber bis heute, um sich selbst als normal zu definieren“, sagt Simek.

Heute sind Monster Metaphern. Vampire stehen laut Literaturwissenschaftler für übertragbare tödliche Krankheiten, sexuell motivierte Verbrechen und die Manipulation von Mitmenschen. Gozilla für den Wahnsinn des Atomzeitalters, Aliens für die Angst vor dem Fremden, Roboter für das blinde Vertrauen in Technik und das Monster „Massenmörder“ für das Böse schlechthin. (bue)

Böhlau Verlag
ISBN-13: 978-3412211110
346 Seiten, broschiert: 29,90 Euro

 


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Das Monster der Deutschen

Ein Kommentar von Martin Bünnagel

Die Jugend schaut auf Hitler wie auf Drakula. Das Dritte Reich, es ist das Reich der Finsternis. Dort tobt der Führer nun seit 70 Jahren. Der Welt entrückt, ein Psychopath. So zeichnet ihn das Nachkriegsdeutschland. Es reiht den Massenmörder ein in eine Welt der Monster. Um sich abzugrenzen. Distanz zu schaffen. Sich zu entlasten. Hier das Volk und da das Monster. Die Gewalt der leisen Worte dieses Führers, die Verführung, die Rhetorik und die Wucht der Sprache ~ das Fernsehen meidet diese Szenen und lässt ihn lieber weiter brüllen. Das klappte lange wunderbar.
Doch je mehr Zeit vergeht, desto unerklärlicher wird dieses weit entfernte Land mit diesem Augen rollenden Monster, unter dessen Nase ein zitternder, schwarzer Balken furunkelt. Und desto weiter entgleitet der Massenmörder in das Reich der Mythen und Sagen. Zu den Hundköpfigen, den Zyklopen, zu den einfüßigen Skiopodes. Und mit ihm sein seltsames, jubelndes Volk, das einen Irren wählte.

Wahrscheinlich trägt das nächste Monster der Geschichte einen schwarzen Turban. Der selbst ernannte Kalif Abu Bakr al-Baghdadi, Herrscher des Islamischen Staates (IS) und über Tausende junger Menschen, die aus der ganzen Welt zu ihm gepilgert kommen, hat gute Chancen im Reich der Menschenfresser und Zyklopen seinen Ehrenplatz zu finden. Dereinst thront er dann mit anderen Super-Monstern, allesamt entsorgt von ihren Völkern. Ebenso wie Adolf Hitler, wird der Kalif zu einer illustren Gruppe Massenmörder stoßen, in der auch Stalin, Iwan der Schreckliche, Idi Amin, und Pol Pot zu finden sind. Und natürlich auch Vlad Tepes, dem Vorbild zu Bram Stokers „Drakula“.
Wahrscheinlich ist es so, dass Menschen Monster brauchen. Nicht hier und jetzt. Nicht in unserer Mitte, sondern weit entfernt als Sinnbild für das Böse. Als einzig wahren Schuldigen. Und das ist wahrhaft gruselig. Denn würden Menschen Monstern folgen? Würden Menschen Monster wählen? Nein, nur Monster würden Monster wählen, ihnen folgen, sie bejubeln und sie mögen. Und somit sind wir alle Monster. Die meiste Zeit nur unsichtbar. Führer-Monster wissen das.