Wissenschaftler entdecken 24.000 Jahre alten Mega-See in australischer Wüste – Menschliche Spuren deuten laut Forscher auf eine isolierte Erfindung des Bootsbaus hin
inmitten der Wüste das Boot erneut zu erfinden

Geologen und Archäologen haben inmitten der australischen Wüste erstmals Belege dafür gefunden, dass der Lake Mungo-See vor 24.000 Jahren einen größeren Füllgrad hatte, als bislang angenommen. Diese Entdeckung wird maßgeblich dabei helfen, frühere Klimaveränderungen besser zu verstehen. Darüber hinaus präsentieren die Forscher archäologische Belege dafür, dass die damaligen Menschen wiederholt eine in der Mitte des Mega-Sees entstandene Insel besuchten. Dazu hatten sie möglicherweise innerhalb der kurzen Zeit, die der Mega-See bestand, das Bootsfahren noch einmal erfunden.

Der bereits seit 15.000 Jahren ausgetrocknete See Lake Mungo ist das bekannteste Becken in der Willandra-Seenregion, einer Uneso-Welterbestätte, die sich im semiariden Teil Australiens befindet. Seine Uferdüne bewahrt Australiens älteste bekannte menschliche Überreste sowie archäologische Spuren. Die Relikte dokumentieren Veränderungen im Verhalten der Menschen über die vergangenen 50.000 Jahre. Und die Sedimentschichten liefern umfangreiche Belege zu klimatischen Veränderungen in den letzten 100.000 Jahren. In ihrer Studie präsentieren Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, der La Trobe University und der University of Wollongong Belege für einen bisher unerkannt gebliebenen extrem hohen Füllgrad des Lake Mungo: einen „Mega-See“. Das Ereignis fand vor 24.000 Jahren, kurz vor Einbruch der letzten Eiszeit statt und dauerte nur kurze Zeit an. Bisher nahm man an, dass sich die Seen in dieser Region immer bis zur selben Höhe gefüllt hatten.
Auf ihren Erkundungsgängen fiel den Forschern nun jedoch eine zusätzliche Kiesstrandlinie auf, die sich fünf Meter oberhalb der Hauptuferlinie befindet. Sie berechneten, dass sich das Volumen des Lake Mungo während seiner Zeit als Mega-See um 250 Prozent erhöht hatte. Mithilfe des Höhenmodells entdeckten die Forscher außerdem, dass der Mega-See an zwei Überlaufpunkten mit seinem Nachbarsee verbunden war, wodurch eine Insel entstand.

Den Forschern zufolge hatte das Ereignis erhebliche Auswirkungen auf das damalige Klima: Ursache dafür, dass sich der See so hoch füllte, waren wahrscheinlich extreme Regenfälle, während sich zeitgleich das Klima kurz vor der letzten Eiszeit abzukühlen begann. „Wir wissen, dass das Klima während der letzten Eiszeit in Australien kühl und trocken war“, sagt Kathryn Fitzsimmons vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. „Unsere Ergebnisse zeigen aber, dass der Übergang in die Eiszeit nicht gleichmäßig von statten ging.“

Der entstandene Mega-See schränkte die Mobilität der damals in der Region lebenden Menschen erheblich ein. Doch archäologische Spuren auf der Insel, die von der westlichen und östlichen Seite des Sees her abgeschnitten war, zeigen, dass sich die Menschen schnell an die neuen Bedingungen angepasst haben: Steinwerkzeuge, in Feuerstellen verbrannte Tierknochen und die Beschaffenheit der Feuerstellen selbst zeigen, dass die Menschen die Insel wiederholt – und geplant – aufsuchten, ihre Steinwerkzeuge mit sich über das Wasser hinweg transportierten und die auf Nahrungsressourcen der Insel nutzten.
Um die Insel zu erreichen, schwammen sie oder: Sie nutzten Wasserfahrzeuge. Da es für die Nutzung von Wasserfahrzeugen in Australien zwischen der Kolonialisierung des Kontinents vor mehr als 45.000 Jahren und der Zeit vor etwa 6.000 Jahren keine Belege gibt, liefern die wiederholten Inselbesuche nach Ansicht der Wissenschaftler jetzt einen indirekten Beleg dafür, dass die Menschen das Bootsfahren nach einer Pause von wenigstens 20.000 Jahren noch einmal erfunden haben könnten. „Unsere Entdeckung des Mega-Sees Lake Mungo zeigt, dass Klima und Landschaften sich plötzlich und dramatisch verändern können. Sie zeigt aber auch, dass sich Menschen recht schnell an neue Bedingungen anpassen“, sagt Fitzsimmons. (bel)