Slyder_Briefe_litbote_sepEin EU-Projekt soll das Scannen und Digitalisieren historischer, handschriftlicher Dokumente der breiten Öffentlichkeit ermöglichen. Historiker sprechen von einer Revolution der Geschichtsforschung.  Denn die größten Archive dieser Welt befinden sich allesamt im Privatbesitz. Ihre Kuratoren schätzen Schuhkartons als Lagerstätte. Sie sind die Hüter der Vergangenheit und Erben ihrer Vorfahren: alte Dokumente, Briefe, irgendwelche Schriftstücke. Opulent geschwungen, pfeilschnell geneigt, jagt die Handschrift der Ahnen durch die Zeilen. Aber kaum jemand kann heute noch die Schriften Kurrent und Sütterlin lesen. Nur wenige wissen, was dort geschrieben steht.

Ein EU-Projekt soll diese Schätze nun von den Dachböden Europas und aus den Kellern des Kontinents retten. Die Bürger soll eine Smartphone-App nutzen können, mit der sie Handschriften scannen und die umgewandelten Schriften lesen können. Zudem sollen öffentliche Katasterbände, Kirchenbücher, Immigranten-Papiere, Passagier-Listen, Ratsprotokolle und viele andere historische Dokumente computerlesbar gemacht werden. „Das führt zu einer Demokratisierung von Archiven und zur Revolution für Historiker“, sagt Günter Mühlberger von der Universität Innsbruck. Forschern werde es künftig möglich sein, weltweit und rasch Handschriften im Volltext zu suchen – vorausgesetzt, das Material sei zur Nutzung freigegeben worden. (bue)

Die Demokratisierung der Archive

Von Martin Bünnagel

Handschriften sind so individuell wie Menschen. Wer sich schwertut, einen in Kurrentschrift verfassten Brief seines Großvaters zu entziffern, der könnte bald digitale Unterstützung erhalten. Denn seit einigen Jahren arbeiten Forscherinnen und Forscher weltweit daran, digitalisierte historische Dokumente vom Computer automatisch entschlüsseln zu lassen. „Die Grundlagenforschung zur Handschriftenerkennung ist schon recht weit fortgeschritten. Nun geht es darum, diese Forschungsergebnisse auch nutzbar zu machen“, erzählt Günter Mühlberger, Leiter der Gruppe Digitalisierung und Elektronische Archivierung an der Universität Innsbruck. Ein neues, von der Universität Innsbruck koordiniertes EU-Projekt will diese Technologie nun Historikern, interessierten Archiven und der breiten Öffentlichkeit zugänglich machen und damit gleichzeitig die eingesetzten Computeralgorithmen weiter verbessern.
Die Dimension des Projekts wird deutlich, wenn man bedenkt, dass – im Gegensatz zu Bibliotheken – die von Archiven gesammelten Dokumente grundsätzlich unveröffentlicht und einmalig sind, das heißt, meist nur in einem einzigen Exemplar existieren. In ihnen spiegelt sich vor allem das tägliche Leben einzelner Personen wider, sei es als kurze Notiz in einem Tauf- oder Sterberegister, als Eintrag in einer Katastralmappe, als Akt in einem Gerichtsverfahren oder als Notiz in einem Polizeibericht.
Mit seinem Team arbeitet Mühlberger federführend am Aufbau einer Serviceplattform. Unterstützt werden sie dabei von der Europäischen Union, die das Vorhaben von insgesamt 13 europäischen Partnern mit insgesamt 8,2 Millionen Euro fördert. „Gemeinsam mit unseren Partnern aus Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien und Spanien werden wir eine Serviceplattform entwickeln, über die jede und jeder historische Handschriften bearbeiten kann“, sagt Mühlberger. „Unter unseren Partnern sind auch zahlreiche Archive, die ihre Bestände zur Verfügung stellen. Mit den von der Technischen Universität Valencia und dem Nationalen Forschungszentrum in Athen gelieferten Algorithmen können wir heute bereits 70 bis 80 Prozent eines Dokuments automatisch entziffern.“ Schwierigkeiten bereiten den Computerprogrammen bisher vor allem das komplexe Layout historischer Dokumente, die unterschiedlich geformten Handschriften, aber auch die verschiedenen Sprachen, die sich im Laufe der Zeit auch stark gewandelt haben. „Die Maschine muss zunächst einmal erkennen, wo auf einem Dokument ein Text steht und die einzelnen Zeilen richtig erkennen – eine technische Herausforderung, die nicht zu unterschätzen ist“, sagt Mühlberger.
Denn die eingesetzten Computeralgorithmen müssen trainiert werden, um die Handschriftenerkennung immer weiter zu verbessern. „Je mehr mit unseren Programmen zur Handschriftenerkennung gearbeitet wird, umso besser werden diese Algorithmen“, weiß Mühlberger.
Mit der Software und der Unterstützung anderer Nutzer sollte es dann auch möglich sein, den in Kurrentschrift verfassten Brief des Großvaters rasch zu entziffern. So sollen in den nächsten Jahren Katasterbände, Kirchenbücher, Briefe, aber auch unterschiedlichste Personenlisten, Ratsprotokolle und viele andere historische Dokumente computerlesbar gemacht werden. Die Forscher werden dafür auch eine App für Smartphones anbieten, mit der die Handschriften direkt eingescannt werden können. Um die Menschen zum Mitmachen zu motivieren, sollen gemeinsam mit der Öffentlichkeit auch die Handschriften berühmter Persönlichkeiten gesammelt und automatisch erkennbar gemacht werden. „Alle diese digitalisierten Handschriften können dann am Computer durchsucht werden. Das erspart die sehr aufwändige Abschrift der Texte und gibt einen direkten Zugang zu den Dokumenten“, sagt Mühlberger. „Mittels der automatisierten Schreibererkennung kann man dann zum Beispiel in den Archiven auch nach anderen Handschriften einer bestimmten Person suchen, was bisher so nicht möglich war.“
Eine experimentelle Version der Software steht im Internet bereits zum Download zur Verfügung. Expertinnen und Experten, aber auch Laien können sich dort registrieren und das Programm ausprobieren: transkribus.eu.