Von Martin Bünnagel

Die entscheidende Medien-Revolution vor Erfindung der Schrift gelang der Menschheit in der Steinzeit.

HöhlenmalereiNach den Ergebnissen von Wissenschaftlern der Universität Bonn, befindet sich auf dem Berg „Göbekli“ in der Türkei,  ein 12.000 Jahre altes Relikt, das  sich erstmals einer entwickelten Bildsprache bediente. Die Forscher ordnen diese Entdeckung als frühen Vorläufer der Schrift ein. „Es handelt sich dabei um einen Sprung in eine neue mediale Welt“, berichtet Ludwig Morenz, Ägyptologe an der Universität Bonn.

Schon seit Urzeiten hat sich der Mensch verewigt, etwa in eiszeitlichen Höhlenmalereien. Doch wann, wo und  wie sich Bildzeichen schließlich  vor 5.000 Jahren in die Hieroglyphen der Altägypter verwandelten, war bislang unbekannt.
„Das Höhenheiligtum ist so etwas wie das fehlende Bindeglied zwischen Bildern und den ersten Schriftzeichen“, berichtet Professor Ludwig Morenz, der zusammen mit Professor Klaus Schmidt von der Universität Erlangen-Nürnberg  mehrere Jahre lang die in Göbekli Tepe entdeckten frühneolithischen Zeichen untersuchte.

„Sie erlauben neue Einsichten in historische Tiefen der menschlichen Kommunikation.“ Häufig finden sich auf den T-Pfeilern in Flachreliefen dargestellte Tiere, darunter Schlangen, Skorpione, Füchse, Kraniche, Gazellen und Wildesel. Außerdem gibt es stärker abstrahierte Zeichen wie Tiere, Hände oder die Kombination aus Mondscheibe und -sichel.

Immerhin sei diese frühe Form der Bildzeichen mehr als doppelt so alt wie die ältesten Schriftzeichen der Altägypter. Zum Ende der Eiszeit wurden Grundlagen gelegt, auf denen die spätere kulturelle Revolution aufbauen konnte. Prof. Morenz: „Göbekli Tepe steht für die Entwicklung von reinen Bildern zur Kodierung von darüber hinaus gehender Bedeutung.“ Während es sich bei der Darstellung eines Stieres etwa in der Höhle von Altamira in Spanien um das direkte Abbild des Tieres handelt, sei ein Stierkopf in dem Höhenheiligtum der Türkei von der primären Bildbedeutung losgelöst als abstraktes Symbol für eine Gottheit zu verstehen.

Der Ägyptologe der Universität Bonn untermauert seine These mit der Tatsache, dass insgesamt rund 20 verschiedene Bildzeichen in ähnlicher Form auch noch in anderen frühneolithischen Fundorten im Umkreis von 150 Kilometern um das Höhenheiligtum Göbekli Tepe herum entdeckt wurden. In dieser fruchtbaren Landschaft zwischen den Oberläufen von Euphrat und Tigris wurden Menschen früh sesshaft. Sie teilten in den verschiedenen Siedlungen mit leichten Abwandlungen die gleichen Bildzeichen. „Das kann kein Zufall sein, die Menschen dieses Kulturraumes müssen sich auf ein einheitliches Zeichensystem geeinigt haben“, ist Prof. Morenz überzeugt. „Bei dieser frühen Bildsprache handelt es sich aber noch um keine Schriftzeichen“, stellt Prof. Morenz fest. Schriftzeichen seien noch einmal deutlich differenzierter.