Immer wieder erschüttern Fälschungsskandale Kunstmarkt und Kunstgeschichte. Wie im Fall des Wolfgang Beltracchi, der als einer der größten gewerbsmäßigen Kunstfälscher der Nachkriegszeit gilt, versagen Experten häufig bei der Entdeckung von Fälschungen.

 

KunstfaelschungenEine der vielen Erklärungen für die sich stetig wiederholenden erfolgreichen Fälschungen besagt, dass Experten sich nach jedem aufgedeckten Fall in der irrtümlichen Sicherheit wiegen, ein solcher Betrug werde sich nicht mehr wiederholen – vor allem, weil sich die Fachleute im Rückblick sicher sind, dass die Fälschungen eigentlich einfach zu enttarnen gewesen wären. Sie gehen von Fehlern der Kollegen aus, die ihnen selber nicht unterlaufen würden. Und somit wähnen sie sich gewappnet für zukünftige Betrugsversuche.

 
Mit Hilfe eines Experiments haben nun Nachwuchswissenschaftler des Instituts für Europäische Kunstgeschichte und des Instituts für Psychologie der Universität Heidelberg gezeigt, dass eben jenes Phänomen der „rückblickenden Selbstüberschätzung“ den immer wiederkehrenden Erfolg von Kunstfälschern erklären kann.
„In der Psychologie wird das ‚Ich habe es doch schon immer gewusst‘-Gefühl bereits seit den 1970er Jahren unter dem Namen ‚hindsight bias‘ oder auch ‚Rückschaufehler‘ intensiv erforscht“, erklärt der Diplom-Psychologe Max Vetter, der die Untersuchung zusammen mit der angehenden Kunsthistorikerin Lena Marschall durchführte. Der Rückschaufehler beruht demnach unter anderem auf der Tatsache, dass es Menschen schwerfällt, sich korrekt an frühere Wahrnehmungen zu erinnern und sich in diese gedanklich zurückzuversetzen. Daher neigen sie dazu, die Vorhersehbarkeit eines Ereignisses im Rückblick zu überschätzen, und glauben, etwas gewusst zu haben, was ihnen nachweislich nicht bekannt war.

 
Um herauszufinden, ob diese rückblickende Fehleinschätzung tatsächlich auch eine Erklärung für den stetig wiederkehrenden Erfolg von Kunstfälschern ist, legten die drei Heidelberger Wissenschaftler rund 150 angehenden und ausgebildeten Kunsthistorikerinnen und Kunsthistorikern eine Reihe von Fälschungen und Originalen vor. Die Werke stammten zum Teil aus Privatbesitz und zum Teil aus der Asservatenkammer des Landeskriminalamts in Stuttgart. Eine Hälfte der Probanden wurde um eine Einschätzung zur Echtheit der Werke gebeten. Die andere Hälfte wurde darüber informiert, welche Kunstwerke gefälscht waren, anschließend sollten die Befragten einschätzen, ob sie Fälschung oder Original als solche erkannt hätten.
Die Ergebnisse stützen die Hypothesen des interdisziplinären Forscherteams: Wer die Werke mit der Information zur Echtheit oder Fälschung betrachtete, war sich anschließend deutlich sicherer, dass er oder sie diese auch ohne entsprechendes Wissen korrekt hätte identifizieren können. Dieser Effekt ist nach Angaben der Wissenschaftler umso größer, je besser die Probanden ihre eigenen Fähigkeiten einschätzten. Eine allzu selbstbewusste Überzeugung von der eigenen Expertise gehe also mit einem verstärkten Rückschaufehler einher. Dies birge die Gefahr einer Überschätzung des eigenen Urteilsvermögens bei einer gleichzeitigen Unterschätzung der zu beurteilenden Sachlage, schlussfolgern die Wissenschaftler. „Dieser Effekt der Selbstüberschätzung sollte, wie der Fall Beltracchi gezeigt hat, gerade bei kunstwissenschaftlichen Expertisen zu verstärkter Vorsicht den eigenen Fähigkeiten gegenüber mahnen“, erklärt Henry Keazor.

 

Ein Erklärungsmodell aus der Psychologie für ein Phänomen aus der Kunstgeschichte zu nutzen, ist nach den Worten der beteiligten Forscher deshalb sinnvoll, weil Wahrnehmung und deren mögliche Verzerrungen gleichermaßen Gegenstand von kunsthistorischer wie psychologischer Forschung sind. Gut gesicherte Erkenntnisse aus der Psychologie können nach einschätzung der Wissenschaftler auch zum Verständnis eines Phänomens wie dem der Geschichte der Kunstfälschung beitragen. Diese wiederum könne dafür sensibilisieren, wie stark Fragen der Kunst und ihrer Wahrnehmung generell mit Aspekten der Psychologie verbunden seien. (bel)