Je besser Schülerinnen und Schüler ihre Muttersprache verstehen, desto höher ist ihre Lesekompetenz in Deutsch. Dies ist das Ergebnis einer Studie von Psychologinnen der Berliner Humboldt-Universität. Die Ergebnisse der Studie wurden jetzt in der Fachzeitschrift „Journal of Educational Psychology“ veröffentlicht.

Demnach findet ein Sprachtransfer von der Mutter- in die Zweitsprache statt. Dies gelte nicht nur für schriftsprachliche Fähigkeiten in der Muttersprache, sondern auch für mündliche Kompetenzen, schreiben die Autoren der Studie.Die Forscherinnen untersuchten die Lesefähigkeiten von 662 Schülerinnen und Schülern mit Türkisch und 502 Jugendlichen mit Russisch als Muttersprache. Je besser sie ihre Muttersprache beherrschten, desto höher war ihre Lesekompetenz in Deutsch. Die Ergebnisse der Studie wurden jetzt in der Fachzeitschrift „Journal of Educational Psychology“ veröffentlicht.
Die Wissenschaftlerinnen prüften den Zusammenhang zwischen der mündlichen Kompetenz in der Muttersprache, die mit einem Hörverstehenstest in Türkisch bzw. Russisch erfasst wurde, und der Lesekompetenz in der Zweitsprache Deutsch, die mit einem Leseverstehenstest erhoben wurde. Als Muttersprachler Türkisch/Russisch galten Schülerinnen und Schüler, die einerseits grundlegende Fähigkeiten in Russisch bzw. Türkisch zeigten und andererseits entweder selbst in der Türkei bzw. der früheren Sowjetunion geboren sind, oder mindestens eines ihrer Elternteile bzw. mindestens zwei Großelternteile.

„Gleichzeitig ist es aber auch wichtig, dass Kinder möglichst früh Zugang zur deutschen Sprache erhalten.“

Beim Hörverstehenstest mussten die Jugendlichen eine Reihe von Multiple-Choice-Fragen zu sieben kurzen Texten (Dialog, Sachtext, Geschichte) beantworten. Der Leseverstehenstest bestand aus fünf Texttypen, denen je fünf bis sieben Aufgaben folgten. Die Autorinnen analysierten den Zusammenhang zwischen den Leistungen der Jugendlichen beim Hörverstehenstest und denen beim Leseverstehenstest. Um auszuschließen, dass dem beobachteten Zusammenhang alternative Ursachen zugrunde liegen, kontrollierten sie zahlreiche Merkmale, wie etwa den sozialen Hintergrund der Familie, die allgemeinen kognitiven Fähigkeiten und die mündliche Sprachkompetenz der Schülerinnen und Schüler in Deutsch. Die Ergebnisse zeigen: Je besser Schülerinnen und Schüler ihre Muttersprache verstehen, desto höher ist ihre Lesekompetenz in Deutsch. Es scheint also ein Sprachtransfer von der Mutter- in die Zweitsprache stattzufinden. Dies gilt nicht nur, wie in bisherigen Studien gezeigt werden konnte, für schriftsprachliche Fähigkeiten in der Muttersprache, sondern auch für mündliche Kompetenzen.

 
„Es ist also hilfreich, wenn Heranwachsende mit Zuwanderungshintergrund hohe Kompetenzen in ihrer Muttersprache erwerben. Die Beherrschung der Muttersprache auf hohem Niveau begünstigt den Erwerb von Kompetenzen in der Zweitsprache. Dazu genügt es, die Muttersprache gut verstehen zu können; schriftsprachliche Fähigkeiten scheinen nicht unbedingt notwendig zu sein“, fasst die Psychologin Aileen Edele zusammen.Die Autorinnen fanden in ihren Analysen zudem Hinweise dafür, dass die Muttersprache und die Zweitsprache in einer konkurrierenden Beziehung zueinander stehen. Heranwachsende, in deren Familie häufig Deutsch gesprochen wird, haben höhere Chancen, gute Lesefähigkeiten in Deutsch zu erlangen als diejenigen, in deren Familie häufig die Muttersprache gesprochen wird. „Insgesamt zeigen unsere Ergebnisse also dass Eltern, die eine andere Sprache als Deutsch in der Familie sprechen, sicherstellen sollten, dass ihre Kinder diese Sprache möglichst gut lernen“, sagt Aileen Edele. Petra Stanat, Direktorin des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), ergänzt: „Gleichzeitig ist es aber auch wichtig, dass die Kinder möglichst früh Zugang zur deutschen Sprache erhalten – etwa durch den Besuch einer Kita.“. (bue)