Mit einem 800-Seiten-Werk und einer außergewöhnlichen Familiensaga, kehrt der US-Autor Jonathan Franzen mit „Unschuld“ in diesem Herbst zurück auf die literarische Bühne in Deutschland. Für deutsche Leser verblüffend, taucht Franzen – der fließend Deutsch spricht – dabei tief ein in Diktatur und Unrechtsstaat der DDR und schlägt in seinem kunstvoll erzählten Roman einen Bogen zum Internet des neuen Jahrtausends: Zur NSA und der weltweiten Massenüberwachung der Bürger.

UnschuldEiner seiner zentralen Figuren, Andreas Wolf, aufgewachsen und sozialisiert in der DDR, ist heute Whistleblower. Versteckt in Bolivien arbeitet Wolf an seinem Enthüllungswerk „Sunlight Project“. Franzens These: „Das Internet ist die neue DDR“, schlägt bei Literaturkritikern hohe Wellen, lenkt aber zu sehr davon ab, dass „Umschuld“ in erster Linie ein Gesellschaftsroman ist, der die Geschichte einer Familie erzählt und dabei mehrere gesellschaftliche Fragen und Probleme aufgreift. Es ist auch eine Geschichte über Mütter, Schuld und Unschuld und Identität.

So beschäftigt sich Franzen in „Unschuld“ mit einem Blumenstrauß gesellschaftlicher Fragen: Jugendlichem Idealismus, Treue, dem Geschlechterkampf und den Fragezeichen des Internets. Der Roman ist meisterlich erzählt und verwebt die Stränge der Handlung auf eine Weise, wie nur Franzen dies kann.

 
Die Handlung: Die junge Pip Tyler weiß nicht, wer ihr Vater ist. Das ist keineswegs ihr einziges Problem: Sie hat Studienschulden, ihr Bürojob in Oakland ist eine Sackgasse, sie liebt einen verheirateten Mann, und ihre Mutter erdrückt sie mit Liebe und Geheimniskrämerei. Pip weiß weder, wo und wann sie geboren wurde, noch kennt sie den wirklichen Namen und Geburtstag ihrer Mutter. Als ihr eines Tages eine Deutsche beim „Sunlight Project“ des Whistleblowers Andreas Wolf ein Praktikum anbietet, hofft sie, dass der ihr mit seinem Internet-Journalismus bei der Vatersuche helfen kann. Sie stellt ihre Mutter vor die Wahl: Entweder sie lüftet das Geheimnis ihrer Herkunft, oder Pip macht sich auf nach Bolivien, wo Andreas Wolf im Schutz einer paradiesischen Bergwelt sein Enthüllungswerk vollbringt. Und wenig später bricht sie auf.

«Unschuld», eine tiefschwarze Komödie über jugendlichen Idealismus, maßlose Treue und den Kampf zwischen den Geschlechtern, handelt von Schuld in den unterschiedlichsten Facetten: Andreas Wolf, in Ost-Berlin als Sohn eines hochrangigen DDR-Politfunktionärs geboren, hat aus Liebe zu einer Frau vor Jahren ein Verbrechen begangen; ein Amerikaner, dem er in den Wirren des Berliner Mauerfalls begegnet, hat den Kinderwunsch seiner Frau nicht erfüllt und sie dann verlassen; dessen neue Lebensgefährtin kann ihrem Ehemann, der im Rollstuhl sitzt, nicht den Rücken kehren und pflegt ihn weiter.

 
In diesem fulminanten amerikanisch-deutschen Gesellschaftsroman eines der größten, sprachmächtigsten Autoren unserer Zeit überschlagen sich die Ereignisse. Und bannen den Leser bis zum Schluss.
Jonathan Franzen, 1959 geboren, erhielt für seinen Weltbestseller „Die Korrekturen“ 2001 den National Book Award. Er veröffentlichte außerdem die Romane „Die 27ste Stadt“, „Schweres Beben“ und „Freiheit“, das autobiographische Buch „Die Unruhezone“, die Essaysammlungen „Anleitung zum Alleinsein“ und „Weiter weg“ sowie „Das Kraus-Projekt“. (bue)